Neujahr
1.
Erster Januar: heute ist Janustag, ein Gegendatum (der gegenüberliegende Pol) zur Nacht der Cardea/ Carne (die auch als Johannisnacht, Hexensabbat oder Midsommernacht gefeiert wird). In seinem Buch zum emblematischen Panoptikum “(Weile in Eile”) fügt Thomas Zacharias vier Janusköpfe zu einem Quartett zusammen, das ist ein kosmopolitischer Zug.
Was zusammenführt ist unsicher.
Wer an der Vergangenheit leider, quält sich für die Zukunft.
Wer sich in die Zukunft vertieft, dem zerrinnt die Gegenwart.
Weise wissen alles.
Leider sieht aber man nichts gleichzeitig, man blickt gleichzeitig nichts. Gleichzeitig weiß man gar nichts. Auch alles weiß man, wenn man es weiß, nicht gleichzeitig. Man sieht, blickt und weiß in Reihenfolgen, anders gesagt: man sieht, blickt und weiß reigend, in Schritten, Hüpfern und Stolpern gereiht. Alleswisser wissen rinnend oder rennend, manche sagen das netter und sprechen von laufendem oder aktuellem Wissen.
2.
Embleme sind für Hypochonder nicht wie gemacht, für sie sind sie gemacht. Sie adressieren Hypochonder als die, die das Talent besitzen, sich mit jeder Diagnose zu identifizieren und sich so selbst zum Fall oder Beispiel jeder intensiven Beobachtung (denn das ist eine Diagnose) zu machen. Der Guckkasten von Otto Venius ist dafür da, dass man ihn durchblättert und einen mit jedem Blick ein Huch, so geht es mir! erwischt.
In der zweiten Hälfte des Lebens, die man nicht in Zeitdauer ermisst, sondern daran erkennt, dass man eine erste Katastrophe (oder Apokalypse) hinter sich hat und es seit dem im Modus des Dennoch oder Trotzdem weitergeht, wenn das Leben also bereits einmal mit einem Knacks halbiert wurde, dann feiert man Neujahr anders als in der ersten Hälfte des Lebens. Ich zum Beispiel gehe dann wie im Rest des Jahres früh schlafen, aber nicht, bevor ich weiß, dass alles in meinen Möglichkeiten getan ist, damit meine lebendigen Lieben einen guten Abend haben und gut ins neue Jahr kommen können. Manchmal ist das nur der Moment, an dem ich mir sagen muss, dass ich jetzt nichts mehr tun kann. Dann vertraue ich, dass ich nicht zu laut schnarche oder das für Feuerwerk gehalten wird.
3.
2024: das Jahr, in dem ich mich von meiner Mutter Karin verabschieden musste, Rudolf Wiethölter ist gestorben, liebe Leute sind verunfallt, einige, auch ich, waren im blöden Krankenhaus, wie immer toben Kriege, unter anderem zwei die groß und nahe sind. Die Wünsche werden größer und manchmal auf schneidende Weise schärfer, hoffentlich halte ich sie 2025 besonnener. Ich träume immer noch von allem was mir lieb und teuer ist, was mir am Herzen liegt, immer noch gibt es ab und zu den ganz speziellen, einzigartigen ‘chinesischen Gong’ in diesen Träumen, dann wache ich manchmal auf und vibriere und summe den ganzen Tag lang. 2024 war es an vielen Stellen und zu vielen Momenten wie in den Jahren davor auch (Zitat Christoph Schlingensief) so schön, wie es im Himmel niemals sein kann.