Unter dem Gesetz

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Prozessbeobachtung

Aert de Gelders Bild trägt den Titel Die Ausstellung Christi. Man sieht was von dem, was man auch auf anderen Ausstellungen (etwa auf der documenta) zu sehen bekommt. Prozessführung heißt zumindest hier: kuratieren, d.i. besorgen, beleuchten, bescheinigen. Verfahren sind ästhetisch, weil sie Techniken sind, etwas zu erfahren, wahrzunehmen oder auszuüben.

aert de gelder die ausstellung christi prozessbeobachtung
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Graphische Forschung

1.

Bild- und Rechtswissenschaft sind nicht zwei Wissenschaften, das ist eine Wissenschaft. Das ist keine allgemeine Wahrheit, das ist eine Perspektive. Die Welt ist letztens nicht entzwei gegangen. Alle reden von Welt oder Globalisierung, wir nicht. Wir reden von Kosmopolitik: die Stelle der Welt und alle ihre Stellen kontrahierten und distrahierten auch schon, bevor jemanden die Entzweiuung so packte, dass ihm etwas zerbrochen, verloren , zerronnen oder in Bewegung gesetzt erschien. Immer dann, wenn von Fragmentierung und Moderne die Rede ist, wie etwa in Jonathan Crarys Buch über das Sehen im 19. Jahrhundert, meldet sich ein melancholischer Diskurs, eventuell befällt der jeden Autor einmal wie ein Schluckauf es tut.

2.

Die deutsche Übersetzung des Buches ist für mich immer noch (seit Jahren) etwas verwirrend, das englische Original kenne ich nicht. Das Buch gehört aber schon jetzt zu den Klassikern der Literatur zur Bild- und Rechtswissenschaft. Muss einem ja nicht gefallen. Was in einem Buch steht, das muss nicht einmal stimmen, Texte können ihre Attraktion auch wie ein Fußballspiel vor einer Zuschauertribüne entfalten (“Gib ab, du Nase!!!”). In dem Buch geht es u.a. um die Geschichte des Beobachters (der Begriff ist für Luhmann wichtig), des Betrachters (der Begriff ist im Hinblick auf Warburgs Staatstafeln wichtig), des (Zu-)Schauers (die Begriffe wären für Phänomenologen und Meteorologen wichtig) und des Sehers (der Begriff wäre für Optiker und Wahrsager wichtig). Cary kommt dort auch auf juristische Modelle zu sprechen: die Camera Obscura, den technischen Apparat der Zeugenschaft und berechneter Bilder, der aus der Phase einer Stadt stammen soll und damit jeweils an einer (!) Adresse platziert sein und den Blick fixieren soll.

jonathan crary graphische Forschung bild- und rechtswissenschaft

Zügige Formen

Dem Wesen, das aufsitzt, weil es von Natur aus phantasiebegabt ist und auch mit Illusionen eine (wenn auch unsichere und limitierte) Zukunft hat, schreibt alles. Dem Menschen schreibt alles.

Alles, was zu einer Inskription führt, hat eine Grundlage. Nihil est seine ratione. Nichts ist ohne (Ein-)Ladung, nichts ist ohne Rasen, nichts ist ohne Rasur, nichts ist ohne Umwege. Was manche eine Lage nennen und mit großen Erwartungen für eine Grundlage halten, das kann ein paar Nummern kleiner eine Situation sein. Das kann der Wind sein.

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Neujahr

1.

Erster Januar: heute ist Janustag, ein Gegendatum (der gegenüberliegende Pol) zur Nacht der Cardea/ Carne (die auch als Johannisnacht, Hexensabbat oder Midsommernacht gefeiert wird). In seinem Buch zum emblematischen Panoptikum “(Weile in Eile”) fügt Thomas Zacharias vier Janusköpfe zu einem Quartett zusammen, das ist ein kosmopolitischer Zug.

Was zusammenführt ist unsicher.

Wer an der Vergangenheit leider, quält sich für die Zukunft.

Wer sich in die Zukunft vertieft, dem zerrinnt die Gegenwart.

Weise wissen alles.

Leider sieht aber man nichts gleichzeitig, man blickt gleichzeitig nichts. Gleichzeitig weiß man gar nichts. Auch alles weiß man, wenn man es weiß, nicht gleichzeitig. Man sieht, blickt und weiß in Reihenfolgen, anders gesagt: man sieht, blickt und weiß reigend, in Schritten, Hüpfern und Stolpern gereiht. Alleswisser wissen rinnend oder rennend, manche sagen das netter und sprechen von laufendem oder aktuellem Wissen.

2.

Embleme sind für Hypochonder nicht wie gemacht, für sie sind sie gemacht. Sie adressieren Hypochonder als die, die das Talent besitzen, sich mit jeder Diagnose zu identifizieren und sich so selbst zum Fall oder Beispiel jeder intensiven Beobachtung (denn das ist eine Diagnose) zu machen. Der Guckkasten von Otto Venius ist dafür da, dass man ihn durchblättert und einen mit jedem Blick ein Huch, so geht es mir! erwischt.

In der zweiten Hälfte des Lebens, die man nicht in Zeitdauer ermisst, sondern daran erkennt, dass man eine erste Katastrophe (oder Apokalypse) hinter sich hat und es seit dem im Modus des Dennoch oder Trotzdem weitergeht, wenn das Leben also bereits einmal mit einem Knacks halbiert wurde, dann feiert man Neujahr anders als in der ersten Hälfte des Lebens. Ich zum Beispiel gehe dann wie im Rest des Jahres früh schlafen, aber nicht, bevor ich weiß, dass alles in meinen Möglichkeiten getan ist, damit meine lebendigen Lieben einen guten Abend haben und gut ins neue Jahr kommen können. Manchmal ist das nur der Moment, an dem ich mir sagen muss, dass ich jetzt nichts mehr tun kann. Dann vertraue ich, dass ich nicht zu laut schnarche oder das für Feuerwerk gehalten wird.

3.

2024: das Jahr, in dem ich mich von meiner Mutter Karin verabschieden musste, Rudolf Wiethölter ist gestorben, liebe Leute sind verunfallt, einige, auch ich, waren im blöden Krankenhaus, wie immer toben Kriege, unter anderem zwei die groß und nahe sind. Die Wünsche werden größer und manchmal auf schneidende Weise schärfer, hoffentlich halte ich sie 2025 besonnener. Ich träume immer noch von allem was mir lieb und teuer ist, was mir am Herzen liegt, immer noch gibt es ab und zu den ganz speziellen, einzigartigen ‘chinesischen Gong’ in diesen Träumen, dann wache ich manchmal auf und vibriere und summe den ganzen Tag lang. 2024 war es an vielen Stellen und zu vielen Momenten wie in den Jahren davor auch (Zitat Christoph Schlingensief) so schön, wie es im Himmel niemals sein kann.

frohes neues Jahr
fabiansteinhauer
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fabiansteinhauer

Die zweite Anfängerübung


Januar 2025: Wir machen in Hamburg die zweite Anfängerübung. Wir gehen nicht systematisch vor, wir gehen beispielhaft vor, um mit den Teilnehmern zu proben, was es heißt, von Anfang des Studiums an Grundlagenforschung zu betreiben und konsequent jede Grundlagenforschung selbst als Anfängerübung zu begreifen.

Das Format der Veranstaltung ist eine Übung vor Originalen: Wir gehen in die Stadt, an Kreuzungen bzw. ‘Kreuzungen’ ( also an Kreuzungen im eigentlichen und im übertragenen Sinne) und stellen dort, wo es rechtliche Grundlagen definitiv und doch limitiert geben soll zwei Fragen: (1.) Wie ist hier und jetzt die Lage? (2.) Wie ist sie zu händeln?

Von den Teilnehmern wird erwartet, dass sie teilnehmen. Als Buch für Theorieinteressierte empfehlen wir die aktuelle Auflage Rechtstheorie von Thomas Vesting. Als Buch für Geschichtsinteressierte empfehlen wir Cornelia Vismanns Buch Akten. Medientechnik und Recht.

Recht und Florenz Zentralperspektive Anfängerübung rechtstheorie